Die Kalkbrennerei war in manchen Gebieten des Waldviertels seit jeher ein wichtiges Kleingewerbe. Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts dürften an die 50 bäuerliche und herrschaftliche Kalköfen in Betrieb gestanden haben. Manche Orte waren mit dem dafür abgebauten Rohstoff Marmor - ein durch Druck und Temperatur umgewandelter Kalk - so reich bedacht, daß sie eine jahrhundertelange Tradition im Kalkbrennen vorweisen können. In so manchem, heute wenig bekanntem, Ort standen zeitweilig sogar mehrere Öfen in Betrieb und dieser war damit als Erzeuger eines hochwertigen Brandkalkes weit über den lokalen Bereich hinaus bekannt - einer davon ist Unter-Thumeritz.
Die früheste Nennung eines Kalkofens der Herrschaft Drosendorf, der in der "Thumritzer Saaß" gestanden hat, datiert aus dem Jahr 1839/40. In Adreßbüchern (quasi den "gelben Seiten") von 1903 und 1906 werden jeweils vier Kalkbrenner genannt: Johann Fiedler, Franz Müller, Franz Reinagl und Josef Silberbauer. Johann Fiedler scheint zufolge einer Ausgabe von 1908 zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gebrannt zu haben. Wie lange sie noch neben dem 1904 erbauten großen Schachtofen bestehen konnten, ist nicht bekannt. Jedenfalls kann sich Frau Maria Fiedler aus Unter-Thumeritz noch erinnern (Geburtsjahr 1909), daß Franz Müller noch gebrannt hat, als sie ein kleines Mädchen war, aber nicht mehr nach dem ersten Weltkrieg.
Ihre Öfen standen großteils südlich des Ortes (in der "Wiener Leiten") nahe der Straße nach Sieghartsreith/Schirmannsreith und sind bis auf zwei heute allesamt abgerissen oder verschüttet. Ein weiterer Kalkbrenner, Karl Grell, brannte von 1915 bis 1935 auf dem Reinagl´schen Ofen, er dürfte damit der letzte aktive gewesen sein, wenn man von der kurzen Wiederinbetriebnahme des Ofens durch Frau Maria Sigmund im Jahre 1946 absieht. Der "Grell-Ofen" wurde von Karl Allinger gebaut, es ist an der Stelle, wo der Kalkofen gestanden hat, nur noch eine kleine Mulde zu sehen. Insgesamt gab es sechs kleine Feldöfen, sowie den großen Schachtofen.
Die "Dynastie der Reinagls", hatte im Kalkbrennereigeschäft eine lange Tradition. Die Familie Reinagl besaß schon zu Beginn dieses Jahrhunderts einen alten Feldofen, der von Franz Reinagl sen. betrieben wurde. Er hat ihn wiederum von Lambert Brandtner übernommen. Einer seiner Söhne, Alois Reinagl, führte den Ofen weiter. Die relativ gut erhaltenen Reste sind heute noch zu sehen, gleich daneben der alte Steinbruch, in dem das Rohmaterial gebrochen wurde. Dessen Brüder Anton und Franz jun. halfen und fuhren mit dem Kalk aus. Die Gebrüder Anton, Alois und Franz jun. Reinagl waren es auch, die den heute noch bestehenden Schachtofen im Jahre 1904 erbauten. Als aber Franz Reinagl, der als Betriebsleiter agierte, im Jahre 1914 beim Kalkausführen tödlich verunglückte, verkaufte man den Ofen an Karl de Riz, dessen Vater Josef de Riz aus Bolcenigo in Italien stammte. Allerdings machte er mit dem Ofen bald Schulden und war deshalb gezwungen, den Ofen an den Grafen Ernst Hoyos-Sprintzenstein zu verkaufen. Karl de Riz betätigte sich dann zwischen 1934 und 1938 erneut als Kalkbrenner und Steinbruchbetreiber, und zwar in Grub, Gemeinde Brunn/Wild - er übernahm dort den Betrieb seines Vaters.
Um das Jahr 1926 wurde der Ofen also von der Herrschaft Hoyos-Sprintzenstein gekauft, die den Ofen zunächst aber von Kohle- auf Holzfeuerung umrüstete. Der Grund hierfür lag hauptsächlich darin, daß sich in den schlechten Wirtschaftsjahren der ausgehenden 20er- und beginnenden 30er-Jahre für das in großen Mengen vorhandene Holz kaum Käufer fanden. Ab 1928 erzeugte der Betrieb in der Saison mit 10 Arbeitern ca. 30 Zentner Kalk pro Tag. Heizer waren damals Leopold Blaschek und Franz Puhm. 1935 war vermutlich das letzte Jahr, in dem gebrannt wurde. Danach wurden zwar laut Kassabüchern noch geringe Kalkmengen verkauft, doch handelt es sich dabei wahrscheinlich um gelagerte Restbestände an Staubkalk oder gelöschtem Kalk, der bei guten Bedingungen jahrelang verwendungsfähig bleibt, ja sogar immer besser wird, wie mir ehemalige Kalkbrenner versicherten. Der Steinbruchbetrieb wurde in der Folge noch bis 1951 aufrechterhalten.
Die Steine wurden von der Bruchstelle mittels eiserner Loren zum Ofen herangeführt und über eine Brücke in die Einfüllöffnung gekippt. Seitlich waren drei Brennkammern angebracht, unten befand sich die Ablaßvorrichtung für den gebrannten Kalk. Um den Ofen war eine Holzbaracke gebaut, die schon in den Kriegsjahren abgerissen wurde, sodaß heute nur mehr der Ofenstock selbst erhalten ist.
Maria Sigmund, Tochter des genannten Anton Reinagl, half bereits sehr früh ihrem Vater und handelte bald selbst mit Kalk, später auch gemeinsam mit ihrem Mann. Nach dem zweiten Weltkrieg versuchte sie, aufgrund des allgemeinen Mangels an Baumaterialien und der Notwendigkeit, Schäden an Dächern und Mauern zu reparieren, noch einmal Kalk zu brennen. Sie erhielt dazu eine Sondergenehmigung von ihrem Vater, der Bürgermeister des Ortes war. Der Feldofen des Alois Reinagl wurde wieder instandgesetzt. Da sich das Geschäft letztendlich doch nicht rechnete, stieg Frau Sigmund nach einer Brennsaison wieder auf den Handel mit Kalk um, den sie bis 1962 aufrechterhielt. Beim Brand, der übrigens 36 bis 48 Stunden dauerte und an die 3.000 kg gebrannten Kalk lieferte, halfen ihr damals Leopold Formanek (hat meist gebrannt und war davor schon Ziegelbrenner), Anton Fiedler, Leopold Böck und Karl Hoffmann, die das Brechen der Steine besorgten. Beim Einsetzen der Steine half Franz Silberbauer.
Recht "schillernde" Persönlichkeiten, über die man auch heute noch so manche Geschichte erzählt, waren die Kalkhändler, die den ungelöschten Stückkalk in der näheren Umgebung "vergreißelten", d.h. zu den jeweiligen Verbrauchern lieferten. In der Spätzeit der Kalkbrennerei kamen sie auch in weiter entfernte Gebiete des Waldviertels, bis Raabs und Großsiegharts; in der anderen Richtung, ins Weinviertel, bis nach Tulln. Der eingangs erwähnte, 1864 geborene Kalkbrenner Josef Silberbauer war, nachdem er mit dem Kalkbrennen aufgehört hat, Kalkhändler (von 1906 bis 1940). Die Söhne von Franz Reinagl waren ebenfalls Kalkhändler, wie ihr Vater und ihr Onkel. Karl betrieb das Gewerbe von 1913 bis 1941, Anton von 1933 bis 1947. In Goslarn waren Karl Fichtner (1932 bis 1939) und Rupert Witopil (1926 bis 1965) tätig.
Frau Sigmund lieferte schon in jugendlichen Jahren Kalk aus, als der große Ofen in Hoyos´schen Besitz übergegangen war. Als dieser dann Mitte der 30er-Jahre stillgelegt wurde, holte sie den Kalk vom Ofen bei Unterthürnau, der ebenfalls dem Grafen Hoyos-Sprintzenstein gehörte. Während des Krieges standen beide Öfen still, auch sonst waren im nördlichen Waldviertel keine Öfen in Betrieb. Deshalb fuhr sie, damals noch mit Pferdewagen, über Drosendorf hinauf nach Ungarschitz (das heutige Uhercice) in Mähren. In der Nachkriegszeit, nachdem der Reinagl´sche Kalkofen nach kurzem Betrieb wieder stillgelegt wurde, fuhr sie nach Grub, wo der von Friedrich Cerny geführte Kalkofen noch bis 1957 in Betrieb war, nunmehr bereits mit einem LKW ausgerüstet. Danach mußte sie den Kalk aus dem weit entfernten Ernstbrunner Kalkwerk beziehen, was einer Entfernung von etwa 90 km entsprach, weshalb sie schließlich mit dem Kalkhandel aufhörte. Mit ein Grund waren sicherlich auch neue Baumaterialien und die allerorts aufkommenden Lagerhäuser, die den Kalk - allerdings Hydratkalk und nicht Stückkalk - billiger anbieten konnten. Herr Sigmund fuhr noch einige Zeit mit Karl Olscher auf dem LKW mit, der für das Lagerhaus arbeitete. Bis etwa 1965 wurde der Kalk zugestellt.
Nicht weit vom Kalkofen entfernt, gleich neben der Straße nach Sieghartsreith und Schirmannsreith, befindet sich ein weiterer Steinbruch. Er wurde von der Firma Sommer & Weniger, Steingewerkschaft Hötzelsdorf, betrieben, einem Steinmetzbetrieb, der seinen Sitz beim Zentralfriedhof in Wien hatte. Die hier seit 1884/85 aus dem Fels gebrochenen Steine wurden an Ort und Stelle geschliffen und poliert und dann in den Werkstätten in Hötzelsdorf und Wien weiterbearbeitet. 25 bis 30 Arbeiter waren zeitweilig in diesem Betrieb beschäftigt. Bis 1914 fanden im gesamten Betrieb an die 100 Steinmetze Arbeit. Ein zweiter bedeutender Steinbruch wurde bei Nonndorf ausgebeutet, hier war das Material ein Gabbro, ein dunkles, fast schwarzes, Gestein, das für Grabsteine sehr beliebt war.
Der "Thumritzer Marmor" erlangte einige Bedeutung, da die Produkte der Firma nicht nur auf den Wiener Friedhöfen, sondern bis nach Ungarn, Bulgarien und Rumänien, ja sogar in die Türkei, verkauft wurden. Erzeugt wurden Grabdenkmale, Sockel- und Wandverkleidungen, Monumente und Portale, Stiegenstufen, etc.. Nach dem ersten Weltkrieg allerdings konnte nur mehr ein Fünftel der Arbeiter (1928 waren es vierzig) beschäftigt werden, da es kaum Auslandsaufträge gab. Waren es davor im Schnitt 110 Waggonladungen pro Jahr, sank die Produktion danach auf nur noch 15. Wieviel davon auf den Thumeritzer Marmor entfiel, kann allerdings nicht gesagt werden.
Der Marmor wurde auch noch durch einen zweiten Steinmetzbetrieb genutzt, der zugehörige Steinbruch befindet sich ebenfalls an der vorhin genannten Straße, etwa hundert Meter nach jenem der Fa. Sommer & Weninger. Nejedly Rudolf produzierte hier in einem Zweigbetrieb der Werkstätte von Atzelsdorf, Gemeinde Brunn/Wild, in den Jahren von 1934 bis 1939 Werk- und Dekorsteine. Sein Nachfolger Wilhelm Nejedly betätigte sich im Ort noch bis 1965 als Betonstein- und Terrazzohersteller. Ein bekanntes Produkt des Betriebes waren die aus dem Marmor herausgearbeiteten Waschrumpeln. Meiner Ansicht nach die schönsten Waschrumpeln, die im Waldviertel erzeugt wurden.
Der Artikel ist 1998 im Amtsblatt der BH Horn erschienen, eine gekürzte Version in der Festschrift zur 850 Jahr-Feier der Pfarre Japons (siehe Publikationsliste).
| © Andreas Thinschmidt | Stand: 24.8.2000 |