DIE HISTORISCHE UND AKTUELLE ROHSTOFFGEWINNUNG IM RAUM RETZ

Bezirk Hollabrunn, Niederösterreich

Werner Gesselbauer & Andreas Thinschmidt

Textauszug aus einem im Jahr 1999 erschienenen Artikel


Ausgehend von ersten urkundlichen Erwähnungen im 14. Jahrhundert (= Jh. im folgenden) bis hin zu aktuellen Abbaudaten wird der Versuch unternommen, die Gewinnung und Verarbeitung der geogenen Rohstoffe des Gerichtsbezirkes Retz anhand schriftlicher, kartographischer und behördlicher Quellen zu charakterisieren. Die geologisch-naturräumlichen Gegebenheiten des gewählten Untersuchungsgebietes bestehen in zwei sehr unterschiedlichen Großeinheiten mit ebenso unterschiedlichen petrographischen Voraussetzungen für die Rohstoffgewinnung: Auf der einen Seite das Böhmische Massiv mit kristallinen Hartgesteinen, auf der anderen Seite die tertiären Ebenen mit Lockersedimenten.

Zeitraum bis 1800

Für die Zeit vor 1800 sind die Angaben über lokalen Rohstoffabbau generell spärlich. Schriftliche Nachweise finden sich meist nur in Form behördlicher Unterlagen (z.B. Stadtarchiven) und Aufzeichnungen geistlicher und weltlicher Grundherrschaften, die aber oft verlorengegangen und selten für den modernen (natur)wissenschaftlichen Gebrauch aufgearbeitet sind. So muß man sich mit wenigen punktuellen Erwähnungen, verstreut über mehrere Jahrhunderte, begnügen. Rohstoffgewinnung im dörflichen (bäuerlichen, kleinhäuslerischen) Bereich ist somit kaum dokumentierbar, ebenso wie Kontinuität über einen längeren Zeitraum. Ausnahmen bilden Rohstoffe, deren Verarbeitung schon früh von Innungen und Zünften kontrolliert wurde (z.B. Töpfer, Hafner, Steinmetze). Hier gelingt oft, wie im Fall der Eggenburger/Zogelsdorfer Steinmetze, ein indirekter Nachweis. Zumindest aber kann man nachweisen, welche Rohstoffe bekannt waren, wie und wozu sie genutzt wurden und ob ihnen eine gewisse, über den lokalen Bedarf hinausgehende, Bedeutung zukam. Für das nördliche Niederösterreich ist bis weit ins 19. Jh. die kleingewerbliche Eigenversorgung aus dem engsten lokalen Umland charakteristisch, soweit dies aufgrund der geologischen Gegebenheiten möglich war.

Kalköfen (Heufurth 1376, Retz 1731, Riegersburg 1635) und Ziegelöfen (Pulkau 1718, Retz seit 15. Jh., Riegersburg 1635) zählen im heutigen Gerichtsbezirk Retz zu den frühesten Nennungen. Hafner sind 1613 in Retz und Pulkau bekannt. Ein Steinbruch bei Pulkau wird schon 1363 erwähnt, wahrscheinlich handelt es sich dabei um den Abbau von Zogelsdorfer Kalksandstein. Die Gewinnung wertvollerer Rohstoffe wurde zwar gelegentlich versucht, doch wegen Erfolglosigkeit und Unwirtschaftlichkeit bald aufgegeben, so z.B. Silber bei Hardegg (16. Jh.), Graphit bei Merkersdorf und Kohle bei Waitzendorf (17./18. Jh.).

1800 bis 1850

Die Quellenlage bessert sich zusehends mit dem ausgehenden 18. Jh.. In Form der von Kaiserin Maria Theresia eingeführten Kreisämter liegen nun regionale Verwaltungskörper vor, denen zumindest einige Arten der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung unterstellt sind. So sind Kalk- und Ziegelöfen aufgrund ihres hohen Holzverbrauches erstmals genehmigungspflichtig. Darüber hinaus bedeuten die im Biedermeier aufkommende Reiselust des städtischen Bürgertums und die romantisch verklärte Hinwendung zum ländlichen Bereich die Möglichkeit, in den zahlreich erschienenen historisch-topographischen Landesdarstellungen und Reiseberichten auf Hinweise zu stoßen. Für die Zeit von 1800 bis 1850 sind Ziegelöfen in 9 Orten belegt, sodaß weiterhin auf weitgehende Eigenversorgung geschlossen werden kann. Kalköfen scheinen nicht (mehr) existiert zu haben, eine Versorgung aus dem Waldviertel heraus, wo qualitativ bessere Rohstoffe (moravische und moldanubische Marmore) zur Verfügung stehen, ist wahrscheinlich. Zudem werden Hafner (Retz, Obernalb) und ein Steinbruch bei Pulkau erwähnt. Am beginnenden Aufschwung der Industrie manch anderer Regionen Niederösterreichs kann das Gebiet um Retz allerdings nicht teilhaben.

1850 bis 1900

Mit Einführung der allgemeinen Gewerbefreiheit im Jahr 1860 wird der Einfluß von Zünften und Innungen, aber auch jener der Grundherrschaften stark zurückgedrängt. Die Erlaubnis zur Rohstoffgewinnung, mit Ausnahme der "vorbehaltenen Mineralien" (Erze, Salze, Kohle), gewährt nun die Gewerbebehörde. Periodisch durchgeführte Gewerbezählungen ermöglichen jetzt auch erste statistische Aussagen. Die allgemein hohe Bautätigkeit des 19. Jh. erfaßt nun auch den Retzer Bereich. Bei Großreipersdorf wird ein neuer Steinbruch eröffnet, Sand- und Schottergruben lassen sich nachweisen sowie Hafner und Steinmetze (v.a. in den zentralen Orten der Region). Der wichtigste Erwerbszweig ist aber nach wie vor die Ziegelerzeugung, die an zahlreichen Standorten belegt ist.

1900 bis 1950

Der Bauboom hält noch zu Beginn des 20. Jh. an, wird dann aber zwischen 1900 bis 1950 mehrmals empfindlich getroffen (Weltkriege und Wirtschaftskrisen). Neue Gewerbesparten halten Einzug, wie die Zementwarenerzeugung in Hofern, Retz und Zellerndorf oder der Mallersbacher Kaolinabbau (1920-30 und ab 1948), der in der Region wichtige Impulse setzt. Die Ziegeleien sind nach wie vor bedeutend und lassen an den meisten Orten eine weitgehende Kontinuität seit der ersten Hälfte des 19. Jh. erkennen. Die Zahl der Steinbrüche steigt stark an, neben einem weiteren, 1933 bei Großreipersdorf eröffneten (bis 1952 aktiv), sind in diesem Zeitraum insgesamt 7 in Betrieb. Weiters sind das Sand- und Schottergewinnungsgewerbe und Steinmetze vertreten, Hafner allerdings nicht mehr. Allmählich übernehmen die größeren Orte der Region, v.a. Retz und Zellerndorf, eine wichtigere Rolle in der Versorgung mit Baustoffen und erlangen damit spartenweise auch überregionale Bedeutung.

1950 bis heute

Ab 1950 durchlebt die Gewerbelandschaft eine völlige Umstrukturierung, alte Gewerbesparten gehen stark zurück, neue entstehen, ausgelöst durch den Verlust der althergebrachten Autarkie in der Rohstoffversorgung und durch gravierende Veränderungen in der Baubranche, wie dem Einsatz neuartiger Baustoffe. Das Kleingewerbe stirbt allmählich aus, die Notwendigkeit zu rationalisieren ist auch in der Retzer Region spürbar. Die generelle Strukturschwäche der Betriebe, die unmittelbare Nähe zur tschechischen Grenze und die Abgelegenheit zu den Ballungszentren Wien, Krems und St. Pölten sowie die wachsende Attraktivität des Zentralortes im Weinviertel, Hollabrunn, sind neben eher ungünstigen geologischen Voraussetzungen und dem Wassermangel auslösend für das Absterben und Abwandern von Betrieben.

Markant ist vor allem der Rückgang der Ziegelerzeuger. Nach einer kurzen Erholungsphase in der Nachkriegszeit, schloß der letzte Betrieb in Zellerndorf gegen Ende der 70er-Jahre. Aber auch die reinen Zementwarenerzeuger existieren seit ihrem Erstauftauchen um 1930 nur etwa 40 Jahre lang. Beide werden von den Betonwaren- und Kunststeinerzeugern abgelöst, die sich in den 60er-Jahren im Raum Retz, Zellerndorf und Hofern als neue Gewerbesparte etablieren. Der moderne Baustoff Beton bewirkt immerhin eine anhaltend gute Auftragslage für die Steinbruchindustrie, auch die Sand- und Schottergewinnung wird ausgeweitet. Der Kaolinabbau wird nach dem Krieg in Mallersbach und Niederfladnitz wiederaufgenommen (1948-74) und ist gerade in den schwierigen Nachkriegsjahren als Arbeitgeber von Bedeutung. Das Steinmetzgewerbe kann sich nur noch in Retz selbst behaupten. Zwar werden im Rohstoffsektor kaum weniger Berechtigungen ausgestellt als vor 1950, doch versuchen die Betriebe zunehmend zu expandieren und auf den gesamten Produktionsprozeß vom Abbau bis zum hochspeziellen Endprodukt auszuweiten. Dadurch üben sie oft mehrere Gewerbeberechtigungen zur selben Zeit aus und das an mehreren Standorten. Retz und Zellerndorf können bei diesem Prozeß ihre Vormachtstellung behaupten und ausbauen, aber auch Hofern erlangt in dieser Zeit eine gewisse Bedeutung.

Die letzte Dekade

Betrachtet man schließlich die letzte Dekade (1990 bis heute) etwas genauer, so ist das rohstoffgewinnende Gewerbe kaum noch existent, eine Konsequenz der "Industrieflucht" der 70er- und 80er-Jahre. Lediglich ein derzeit ruhender Steinbruchbetrieb und zwei Betonwarenerzeuger, einer davon schon seit 1991 ruhend, sind im Retzer Raum verblieben.


Der Artikel ist 1999 im Tagungsband zur Arbeitstagung der Geologischen Bundesanstalt Wien erschienen (siehe Publikationsliste).


zum Inhaltsverzeichnis
zur Hauptseite
zur Stichwortsuche


© Andreas Thinschmidt Stand: 24.8.2000