Genaue Aussagen über die historische Nutzung geogener Ressourcen sind in der Regel nur eingeschränkt möglich - lückenlose Dokumentationen gelingen oft nicht einmal für die jüngste Vergangenheit. Den Geowissenschaften ist kaum bekannt, daß wichtige Quellen dafür Wirtschaftsdaten sein können, die in den letzten beiden Jahrhunderten immer wieder systematisch erhoben worden sind. Seit 1860 unterliegen viele rohstoffgewinnende Tätigkeiten dem Gewerberecht, ausgenommen jene Rohstoffgruppen, die durch das Bergrecht geregelt werden. Somit existieren für fast 140 Jahre genaue schriftliche Aufzeichnungen, sofern diese nicht amtlich vernichtet oder im Zuge turbulenter Epochen abhanden gekommen sind. Das gilt ganz besonders für die Gewinnung von Massenrohstoffen, wie sie für den Bezirk Hollabrunn von eminenter Bedeutung waren und sind.
Die mit der Aktenführung betraute Bezirkshauptmannschaft Hollabrunn verwaltete bis vor kurzem mittels Karteikartensystem alle jemals ausgestellten Gewerbeberechtigungen, 1995 ist auf EDV-Verwaltung umgestellt worden. Da Gewerbeakten in der Regel erst nach 80 Jahren vernichtet werden dürfen, sind detaillierte Untersuchungen auch über einen längeren Zeitraum möglich. Die Daten reichen in Einzelfällen bis vor die Jahrhundertwende zurück. Die Karteikarten enthalten u.a. Angaben über den/die Gewerbeinhaber, die Art und den Standort des Gewerbes, alle Zweigstellen und Gewinnungsorte, den Zeitraum der Gewerbeberechtigung und eventuelle Ruhendmeldungen (kein Betrieb bei aufrechtem Gewerbe).
Steinbruchgewerbe
Die Anzahl der Steinbrüche war im Bezirk Hollabrunn infolge der geringen Verbreitung von Hartgesteinen von jeher klein, im gesamten Zeitraum gibt es nur 14 verschiedene Betriebe und 19 Abbaustellen. Alle befinden sich in oder im Nahbereich der Böhmischen Masse. Nach einer starken Ausweitung der Steinbruchtätigkeit in den 20er-Jahren erreicht das Steinbruchgewerbe im Jahre 1938 den Höchststand mit 10 Standorten, der in den Kriegsjahren und darüber hinaus bis 1949 gehalten wird, allerdings ist ein Ansteigen der Ruhendmeldungen zu verzeichnen. Schon in den folgenden 5 Jahren werden aber 6 Abbauorte stillgelegt, während 4 neue in Betrieb gehen. Von Mitte der 50er- bis Anfang der 70er-Jahre sind durchschnittlich 6 Abbaustätten aufrecht, danach 3, aktuell nur 2 (Limberg und Hofern). Den größten Anteil an der Gesamtproduktion trägt von 1933 bis heute die Fa. Hengl mit ihrer Hauptgewinnungsstätte in den Gemeinden Limberg und Maissau bei. In der Vergangenheit wäre zudem das Granitwerk Roggendorf mit Abbaustätte in Großreipersdorf zu erwähnen (1933-1952).
Sand- und Schottergewinnung
Der Abbau von Sand und Schotter ist in der Zeit vor 1950 wenig bedeutend, nur jeweils 3 bis 6 Gewinnungsstellen decken den lokalen Bedarf. Mitte der 50er-Jahre steigt die Zahl der Abbauorte innerhalb weniger Jahre stark an - bis auf über 30. Viele der damaligen Abbaustellen sind nur kurz aktiv, es gibt häufig Betriebseinstellungen und Neugründungen. Die Gesamtzahl pendelt sich gegen Ende der 60er-Jahre auf einen stabilen Wert zwischen 25 und 30 ein, der Anteil an Ruhendmeldungen ist aber auffallend hoch. Die 70er-Jahre sind dadurch geprägt, daß die Zahl der Abbaustellen zunächst auf hohem Niveau bleibt und längere Abbauperioden üblich sind. Erst allmählich sinkt die Zahl zu Ende der 80er-Jahre gegen 20, in den 90ern beträgt sie im Schnitt etwa 15, was auch dem gegenwärtigen Stand entspricht. In derselben Zeitspanne geht die Zahl der im Bezirk angesiedelten Betriebe allerdings auf fast ein Drittel zurück. Regionale Schwerpunkte waren und sind die Großgemeinden Göllersdorf, Hollabrunn (besonders wichtig die Ortschaft Dietersdorf) und Ziersdorf.
Ziegelerzeugung
Ziegelrohstoffe bilden lange Zeit hindurch einen Schwerpunkt der regionalen Rohstoffgewinnung. Hauptorte sind Hollabrunn selbst, Zellerndorf und Ziersdorf. Die Zahl der Ziegeleistandorte steigt in den 20er- und 30er-Jahren kontinuierlich an, bis 1940 ein Maximum von fast 40 erreicht wird, das bis Ende des Jahrzehnts anhält. Die Kriegsereignisse haben scheinbar keinen negativen Einfluß, eher trifft das Gegenteil zu, denn weder vorher noch nachher gibt es ähnlich viele Ziegeleien im Bezirk. Allerdings nehmen die Ruhendmeldungen stark zu. In den folgenden 50er-Jahren bricht die Ziegelindustrie jedoch komplett ein, bis auf weniger als 10 Betriebe Anfang der 60er-Jahre. Um das Ziegeleisterben noch zu verdeutlichen: innerhalb von nur 10 Jahren werden beinahe 80 % aller Standorte eingestellt oder ruhend gemeldet. Auch die verschwindend geringe Zahl an Firmenneugründungen und -übernahmen verdeutlicht diesen Prozeß, nach 1955 wird kein einziger Standort mehr eröffnet. Zwar können einige größere Betriebe noch weiter existieren, so in Hollabrunn, Pulkau, Unter-Markersdorf, Zellerndorf und Ziersdorf, doch beträgt der weitere Schwund im Schnitt 2 bis 3 Standorte pro Jahrzehnt. Der letzte aufrechte Betrieb befindet sich in Göllersdorf (Fa. Wienerberger).
Beton- und Zementwarenerzeugung
Die reine Zementwarenerzeugung erlebt ihre Blütezeit von Anfang der 30er-Jahre bis etwa 1959 mit bis zu 15 gemeldeten Standorten und endet im Jahre 1979. Auch hier scheint das Kriegsgeschehen keinen abträglichen Einfluß auszuüben. Dominierend in dieser Sparte ist Hollabrunn - etwa die Hälfte der Betriebe ist hier angesiedelt - gefolgt von Ziersdorf, dessen Bedeutung schon zu Beginn der 50er-Jahre stark zurückgeht. Die ersten Betriebe zur Betonwarenerzeugung scheinen im Bezirk erst 1935 auf. Das Gewerbe wächst, die Zementwarenerzeugung gleichsam ablösend, vor allem in den späten 50er- und in den 60er-Jahren zu einem wichtigen Industriezweig mit bis zu 18 Standorten heran. Dieser Wert kann bis Ende der 70er-Jahre gehalten werden, dann fällt er für das kommende Jahrzehnt auf etwa 15 ab. Anfang der 90er-Jahre sinkt die Zahl der Standorte erstmals unter 10. Derzeit sind 8 Standorte aufrecht. Hollabrunn ist auch in dieser Branche führend, an zweiter Stelle liegt Retz.
Andere Rohstoffe
Die Gewinnung von Kieselgur wird, nachgewiesen ab 1922, durch 2 Betriebe in den Gemeinden Limberg und Ziersdorf betrieben und dauert bis 1981 an. Der Kaolinabbau in Mallersbach und Niederfladnitz ist für die Jahre 1949 bis 1958 belegt.
Zusammenfassung
Im Bezirk Hollabrunn sind zwei Gewerbesparten vorherrschend: Ziegelerzeugung und Sand- und Schottergewinnung, daneben sind auch Zement- und Betonwarenerzeugung von Bedeutung. Ihre Entwicklung verläuft zum Teil sehr unterschiedlich. Ziegeleien dominieren bis in die frühen 50er-Jahre, fallen danach stark ab, während Sand- und Schottererzeuger gerade hier ihren Aufschwung erleben. Die Zementwarenerzeuger korrelieren mit den Ziegeleien, sie haben zwischen 1935 und 1955 ein noch etwas deutlicher ausgeprägtes Maximum. Ähnlich auch die Entwicklung der Steinbrüche im Bezirk: Ihr Maximum liegt ebenfalls um und in den Kriegsjahren, sie können sich aber auch in der Nachkriegszeit behaupten. Die Betonwarenerzeuger hingegen korrelieren eng mit der Sand- und Schottergewinnung. Beider Anzahl nimmt in den 50er-Jahren zu und erreicht den Höhepunkt Mitte der 60er-Jahre. Ab da ist die Tendenz zwar langsam, aber stetig fallend. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß der zweite Weltkrieg scheinbar nicht zu Einbußen in der Rohstoffproduktion des Bezirkes führt, ja sogar manche Gewerbesparten zu begünstigen scheint, wie die Ziegeleien, die Zementwarenerzeuger, die Steinbruchbetreiber. Erst die schwierigen Nachkriegsjahre, vor allem die 50er-Jahre, führen zu merkbaren Rückgängen. Die 60er-Jahre können allgemein als Erholungsphase gesehen werden. Seit den 70er-Jahren geht die Zahl der Standorte stetig zurück, manche Gewerbesparten enden hier (reine Ziegel- und Zementwarenerzeuger). Derzeit sind nur die Sand- und Schottergewinnung sowie die Betonwarenerzeugung für den Bezirk bedeutend.
Der Artikel ist 1999 im Tagungsband zur Arbeitstagung der Geologischen Bundesanstalt Wien erschienen (siehe Publikationsliste).
| © Andreas Thinschmidt | Stand: 24.8.2000 |