Niederösterreich besitzt eine Unzahl an historischen Bauten, für die der Naturstein seit jeher ein wichtiger natürlicher Baustoff war und ist. Der Geologe kann aufgrund seiner Kenntnis der natürlichen Gegebenheiten und durch die makroskopische und mikroskopische Befundung des verwendeten Gesteins auf seine Herkunft schließen. Die Bestimmung der Gesteine und ihr Verteilungsmuster im Mauerwerk erweisen anderen mehrfach wertvolle Dienste: dem Bauhistoriker liefert sie Hinweise zur Baugeschichte, den Denkmalpflegern und Restauratoren Fakten zu Materialbeschaffenheit und Verwitterungsresistenz, Steinmetzen bietet es die Möglichkeit, Originalmaterial zu verwenden.
Zur Geschichte der Nutzung von Naturbausteinen
Zuerst muß hinsichtlich der Natursteinverwendung zwischen reinem Zweckbau und Repräsentationsbau unterschieden werden. Dazu kommt die Fragestellung, ob ein Mauerwerk von vornherein steinsichtig konzipiert war, oder ob es bemalt, mit Kalkschlämme getüncht, oder verputzt war. Bauten mit wehrhaftem Charakter sollten schon nach außen hin einen soliden Eindruck vermitteln. Deshalb bestehen deren Mauern öfter als üblich aus nicht oder nur grob zurechtgehauenen Steinen, die aus der allernächsten Umgebung (Klaub- oder Lesesteine) herangeholt wurden. Die ortsansässige Bevölkerung leistete im Rahmen des Frondienstes durch das Aufsammeln der Steine einen großen Beitrag. Auf eine dekorative Ausgestaltung der Fassaden wurde in der Regel verzichtet. Im Gegensatz dazu sind weltliche Repräsentationsbauten und sakrale Bauwerke, sofern sie unverputzt geplant waren, sehr oft in Quaderbautechnik errichtet und die Fassaden mit dekorativen Architekturelementen gegliedert.
Die ersten, die in unseren Breiten großen Steinbedarf zu Bauzwecken hatten, waren die Römer (ca. 50 v. bis 400 n. Chr.). Man schreibt ihnen die ersten großmaßstäblich angelegten Steinbrüche zu. Bekannte niederösterreichische Gewinnungsstätten waren in den Hainburger Bergen, im Leithagebirge (St. Margarethen, Bgld.), in der Flyschzone (Gspöttgraben in Sievering, Wien) und wahrscheinlich auch bei Häusling im Dunkelsteiner Wald, NÖ (Marmor). Mit dem Rückzug der Römer aus unserem Gebiet erlosch die Steinbauweise weitgehend und setzte erst wieder um die Jahrtausendwende ein.
In der Frühzeit der Romanik (ca. 1000 bis 1250) gab es, wie die wenigen Beispiele in unserem Land zeigen, entweder reine Holzbauten oder solche aus Bruchsteinmauerwerk. In der zweiten Hälfte wurden sie jedoch fast immer steinsichtig und deshalb bevorzugt in Quaderbautechnik errichtet. Als wichtigster einschränkender Faktor galt (neben den zur Verfügung stehenden Geldmitteln des Bauherren) die Transportweite. Man war durchaus gewillt, für das Mauerwerk einen guten Stein und gute Steinmetze einzusetzen, doch nutzte man in der Regel nur Vorkommen im Umkreis einer Tagesfuhre (etwa 20 km), gemessen an der Leistung von zwei- oder vierspännigen Ochsenkarren. Stand kein derartiges Vorkommen zur Verfügung, so mußte man mit Lese- oder Bruchsteinen, ja sogar mit Donauschottern vorlieb nehmen. Anderenorts war man in der glücklichen Lage, vorhandene Bauruinen (z.B. Römerbauten) als "Steinbruch" zu nutzen, wie es durchwegs in der Region östlich von Wien geschehen ist. Generell achtete man darauf, wertvollen Baustein (vor allem in schon bearbeiteter Form) nicht zu verschwenden und womöglich wiedereinzusetzen.
Eine andere Einschränkung war durch die spezifischen Eigenschaften des verwendeten Materials gegeben. Nur Sandsteine, Konglomerate, Kalke, Kalktuffe, Marmore und die viel verwendeten "Leithakalke" lassen sich leicht bearbeiten, Kristalline Gesteine mied man. Deshalb existieren im Waldviertel und im südöstlichen Niederösterreich relativ wenige Quaderbauten, während sie im Alpenvorland, im Weinviertel und im Wiener Becken die Regel sind.
In der Romanik unterschied man bei der Materialauswahl kaum zwischen reinem Mauerstein und Skulpturstein, sondern nutzte für beide Zwecke ein und dasselbe zur Verfügung stehende Gestein. War ein geeignetes Gesteinsvorkommen groß genug, wurde es für alle umliegenden Bauten während der gesamten Romanik genutzt. Wechsel in der Gesteinsverwendung kamen kaum vor, außer die Vorkommen waren erschöpft oder nicht mehr zugänglich.
Im wesentlichen gilt dies auch für die Gotik, (ca. 1235 bis 1520) jedoch mit einigen Einschränkungen: einerseits ging man zu einer völlig anderen Bauweise über. Statt wie bisher wuchtig und schwer fielen die Bauten durch die Anwendung neu erworbenen Wissens über statische Gesetze zunehmend grazil und leicht aus, was natürlich andere Anforderungen an den Baustein stellte. So bevorzugte man nun leichtere und doch tragfähige Natursteine (z.B. Kalktuffe in Gewölbekuppeln). Allerdings hielt man bei einfachen Landkirchen, die zudem oft immer noch wehrhaften Charakter haben mußten, lange Zeit weiterhin an den alten Formen fest.
Da in der Gotik das Mauerwerk häufiger unter Verputz gelegt wurde, mußte in diesem Fall ein ästhetisches Erscheinungsbild des Mauerwerks nicht mehr gewahrt werden. So ist der Anteil an regelmäßigen Quaderbauten geringer. Die Transportmöglichkeiten waren meist ebenso einschränkend wie in der Romanik, sodaß viele der altbekannten Gesteinsvorkommen weiterhin genutzt wurden.
Durch den hohen Anteil an schwierig zu bearbeitenden, weil filigranen und komplexen Werkstücken, wie Fialen, Kreuzblumen, Maßwerke, wurden an den Stein höhere Anforderungen gestellt. Daher begann man zunehmend, eine bewußtere Materialauswahl zu treffen. Entweder, indem man im Steinbruch gezielt die weicheren, feinkörnigen und homogenen Partien suchte oder indem man Vorkommen nutzte, die mitunter auch weiter entfernt sein konnten (Beispiele: Au und Breitenbrunn am Leithagebirge, Zogelsdorfer Stein bei Eggenburg). Es taucht auch zum ersten Male so etwas wie eine Vorliebe für bestimmte Gesteinseigenschaften auf (z.B. Adneter Rotkalke für Grabdenkmäler).
Die Renaissance (ca. 1520 bis 1660) und die Barockzeit (ca. 1660 bis 1780, einschl. Rokokozeit) brachte starke Veränderungen. Der Einsatz von natürlichen Bausteinen im Mauerwerk ging stark zurück, erlebte dafür in der Produktion von Gebäudezierat (Säulen, Statuen, Figurengruppen u.a.) eine bisher unerreichte Vielfalt und Fertigkeit. Statt mit Stein zu bauen, ging man zu Ziegelmauerwerk über und verwendete Steinquader in vielen Fällen nur mehr aus Stabilitätsgründen oder, weil sie eben zur Verfügung standen (z.B. beim Umbau anfielen). Da zu dieser Zeit ein Verputz obligatorisch war, wurde dadurch der äußere Eindruck nicht gestört. Transportweiten stellten keine derart einschränkende Wirkung mehr dar. Für Skulpturen war man bereit, den besten Stein zu verwenden, oder den jeweiligen "Modestein". Aus diesen Gründen ist die überaus weite Verbreitung und Beliebtheit des "Zogelsdorfer Steins" erklärbar. So sind praktisch alle Nepomuk-Statuen (ein zu dieser Zeit beliebter böhmischer "Brückenheiliger") aus diesem Stein gefertigt, man kann von einem regelrechten Monopol der Zogelsdorfer Steinmetzindustrie sprechen.
Eine weitere wichtige Station auf dem Weg ins Heute ist die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch neue Anschauungsformen beeinflußt - die Romantiker forderten die "natürliche" (rohe) Fassade - begann man im Zuge von Restaurierungen und Umbauten viele Fassaden abzuschlagen und in unverputztem Zustand zu belassen. Doch das stellte sich als folgenschwere Entscheidung heraus, denn das jahrhundertelang unter Verputz und Tünche einigermaßen geschützte Mauerwerk war plötzlich der Witterung in einem hohem Maße ausgesetzt. Manche entwickelten sich im 20. Jhdt. unter starker Einwirkung von Luftschadstoffen zu permanenten Restaurierungsfällen (z.B. Stephansdom in Wien). Meist wurde und wird aus Kostengründen oder in Ermangelung von Alternativen einfach der Stein ausgewechselt, das Endergebnis ist immer ein Verlust an Originalsubstanz.
In der "Ringstraßenzeit" erlebte die Bautätigkeit einen wahren Boom, vor allem durch die Stadterweiterung in Wien. Dies brachte eine verstärkte Nutzung an Naturbausteinen mit sich, allen voran die Vorkommen des Leithagebirges und des Westrandes des Wiener Beckens. Drei Gewinnungsorte sind an vorderster Front zu nennen: St. Margarethen im Burgenland, Mannersdorf und Wöllersdorf in NÖ. Transportweiten spielten durch das rasch wachsende Eisenbahnnetz so gut wie keine Hemmnisse mehr und so finden sich neben heimischen auch "ausländische" Steine (damals noch Staatsgebiet der Österreich-Ungarischen Monarchie) in beachtlichem Ausmaß, allen voran slowakische und ungarische Vorkommen (z.B. der Travertin von Dunas Almasz, Kalksteine aus Istrien).
Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ist dadurch charakterisiert, daß der heimische Stein gegen die ausländische Konkurrenz verliert. Der Gebrauch von Naturbausteinen verlagert sich Richtung Dekor und Verkleidung. Brasilianische, afrikanische, schwedische und indische Materialien sind trotz weltumspannender Transportwege billiger und statusfördernd! Erst in jüngster Zeit ist wieder eine leichte Trendumkehr zu heimischen Steinen merkbar. Allzu oft nämlich hatten Architekten und Bauherren ungünstige Materialeigenschaften und schlechtes Verwitterungsverhalten für vordergründige Ästhetik ignoriert und dadurch der heimischen Natursteingewinnung Schaden zugefügt. Der Blick in die mehr als zweitausend Jahre Geschichte der Baukunst mit Naturstein zeigt uns jedenfalls, daß unsere heimischen Vorkommen durchaus attraktive und beständige Bausteine zu bieten hätten.
Der Artikel ist 1997 im Exkursionsführer Nr. 17 der Österreichischen Geologischen Gesellschaft erschienen (siehe Publikationsliste).
| © Andreas Thinschmidt | Stand: 24.8.2000 |